kolumnistdesjahres

A topnotch WordPress.com site

Farnen wäre das nicht passiert

farne

„Abstand bringt die Dinge näher!“ hat mein alter Lehrer immer gesagt, wenn man sich im Kleinklein seiner Arbeit zu verheddern drohte. Geht man nämlich ein paar Schritte zurück und schaut sich das Geschaffene mit dem nötigen Abstand in toto an, sieht man oft, wo es eigentlich klemmt. Auch wird man aus der Distanz automatischer gelassener, ich zumindest.
Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, vom tagespolitischen Kleinklein Abstand zu nehmen und mir ein Buch über die Geschichte der Menschheit gekauft. Darin werden mal lässig die zurückliegenden dreißigtausend Jahre abgerissen. In den ersten Kapiteln holt das Buch sogar noch ein paar Millionen Jährchen weiter aus und schaut, was unsere Vorfahren so getrieben haben.
Interessant war dabei die Tatsache, dass es ohne die „Erfindung“ des Baumes uns gar nicht geben würde auf der Welt – zumindest nicht in unserer jetzigen Form. Als die Evolution sich nach dem ganzen Farngewächsen die Bäume hat einfallen lassen, wurden diese prompt von eichhörnchenartigen Viechern besiedelt. Die Bäume boten prima Schutz vor den hungrigen Dinosaurier am Boden und eine tolle Aussicht gab es obendrein gratis. Um nun besser von Baum zu Baum zu kommen, ohne zwischendrin immer erst nach unten auf den von Dinos verseuchten Boden zu müssen, bildeten sich die Krallen der Tiere langsam zu Greifwerkzeugen aus, mit denen sie die Äste umfassen konnten und sich so von Baum zu Baum schwingen konnten. Tädää!: – die Hände (und vor allem der Daumen) waren erfunden!
Der Daumen und seine Eigenschaft Gegendruck zu erzeugen, brachte nun den späteren Menschenaffen die nötige Geschicklichkeit zur Herstellung von Werkzeugen. Werkzeuge waren insbesondere für die Erfindung des Ackerbaus wichtig. Äcker brauchen jedoch bekanntlich viel Platz und da war damals überall der doofe Urwald mit seinen Bäumen im Weg. So wurde rasch die Axt erfunden und die Bäume platzschaffend abgehackt. Praktischer Nebeneffekt: es war zwischenzeitlich das Feuermachen erfunden worden und mit den ganzen abgehackten Bäumen war immer ausreichend Brennholz in der Hütte vorhanden.
Letztlich haben sich die Bäume also selbst in Gefahr gebracht – den Farnen wäre das nicht passiert. Sie werden es nicht glauben, aber die Tatsache, dass alles sein Gutes und sein Schlechtes hat, was auf der Welt passiert, lässt mich einem Donald Trump oder der drohenden Eurokrise viel gelassener ist Antlitz blicken.

England

Sauerbraten

Shifting Baselines

61010021

 

Machen Sie sich doch mal den Spaß und fragen Sie einen ihrer dauertelefonierenden Tischnachbarn im Zugrestaurant nach Feuer. Wahrscheinlich wird er sein Wichtigtun abrupt unterbrechen und entsetzt nach dem Kellner Ausschau halten.

 

Nun stellen wir uns die gleiche Situation mal dreißig Jahre zuvor vor. Der Tischnachbar hätte auf Ihre Bitte um Feuer kurz von seiner Zeitung hochgeschaut (Mobiltelefone konnte sich keiner leisten) und Ihnen ohne mit der Wimper zu zucken sein Feuerzeug gereicht. Andererseits hätte ein in der Öffentlichkeit laut telefonierender Fahrgast für Erstaunen über seinen Reichtum und gleichzeitig für allseitiges Naserümpfen gesorgt – damals ging man zum Telefonieren noch in dafür extra aufgestellte schalldichte Telefonzellen und schloss die Tür hinter sich. „Privatsphäre“ steht leider nicht mehr in den Online-Wörterbüchern unserer multisozialvernetzten Jugend.

 

Sie sehen, knappe dreißig Jahre reichen, um die sittlichen Orientierungslinien komplett zu verschieben. In der Fachwelt nennt man dieses Phänomen „shifting baselines“. Wenn nun dreißig Jahre ausreichen, um den Knigge quasi auf den Kopf zu stellen, was wird dann erst in fünfhundert Jahren sein? Im zurückliegenden halben Jahrtausend  sind die Baselines ebenfalls gehörig durch die Gegend geshiftet. (Zum einen schade, denkt man z.B. an die doch stark schwindende Ritterlichkeit unter jungen Männern, zum anderen aber auch nicht schade, fragte man rothaarige alleinlebende Frauen mit einem Hang zur Geheimniskrämerei.) War es also vor zweihundert Jahren durchaus üblich, nach vermeintlichen Ehrverletzungen oder beim Streit um eine Frau sich gegenseitig im Duell über den Haufen zu schießen, würde man heute für diese Idee in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Menschen, die sich damals streng innerhalb der sittlichen Baselines bewegten, sind für uns heute nur noch Barbaren.

 

Jetzt stellt sich doch aber die spannende Frage, ob wir heute auch schon alle Barbaren sind, nur weil in einigen hundert Jahren die Menschen in ihren völlig neu abgesteckten Sittlichkeitsgrenzen uns für eben solche halten werden? Sollten Sie sich jedoch heute nicht als Barbar empfinden, obwohl es später andere tun werden, sollten Sie zukünftig jeden, der vom „dunklen Mittelalter“ spricht, mit gestrenger Miene wegen seiner geschichtlichen Einfältigkeit tadeln. Wie sagt Voltaire so treffend. „Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.“ Ich sehe, wir sind uns einig.

 

P.S. Telefonierende Restauranttischnachbarn halte ich übrigens heute schon für Barbaren. Da sind mir sogar zehn kettenrauchende Skinheads am Tisch lieber.

Links ist da, wo der Daumen rechts ist

bundestag_DxOFP

Machen Sie sich mal den Spaß und halten Sie Ihren Lieben einen Gegenstand unter die Nase, der es im Aussehen mit einem Mikrofon aufnehmen kann, und fragen Sie ohne Vorwarnung mit verstellter Straßenreporterstimme:

„Was ist Ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen politisch Links und politisch Rechts.“

Ich kann Ihnen jetzt schon das Ergebnis Ihrer Privatumfrage verraten: da kommt nicht viel. Im besten Falle sowas wie: „Die SPD ist links und kümmert sich mehr um die kleinen Leute, dafür kann die CDU besser die Wirtschaft am Brummen halten, was ja dann irgendwie den kleinen Leuten auch zu Gute kommt.“ Kurzes Nachhaken Ihrerseits: „Wenn die SPD eine linke Partei ist, dann ist die CDU Ihrer Meinung nach eine rechte Partei?“ „Neiiiiiin, natürlich nicht – die rechten Parteien sind doch die mit den Nazis.“

Im Grunde, wenn man mal ehrlich ist, gibt es gar keinen wesentlichen Unterschied mehr zwischen der SPD und der CDU. Die SPDler wissen den selbst manchmal nicht mehr so genau. Man könnte die Hälfte der Politiker zwischen den beiden Parteien austauschen und es würde niemanden wirklich auffallen, nicht mal den Ausgetauschten selbst, befürchte ich. Warum ist dem so? Vor sagen wir mal 60 Jahren war das noch viel einfacher. Da waren die SPD die Partei der Arbeiterbewegung und die CDU die Partei der katholischen Landwirte, bzw. die Parteien der jeweiligen Sympathisanten dieser Gruppen. Katholische Bauern gibt es noch ein paar, die Arbeiterbewegung hat sich aber schon längst ausbewegt. Die SPD gibt es jedoch immer noch und hat es mangels fest definierter Wählerklientel nun immer schwerer, ihre Daseinsberechtigung den Leuten glaubhaft unter die Nase zu reiben.

Um die Parteien für die Wähler wieder besser unterscheiden zu können, erkläre ich mal kurz, was das mit dem Links und Rechts genau auf sich – kleiner kostenloser Leserservice sozusagen.

Schauen wir auf die Wurzeln der Linken, dann erklärt sich die Rechte fast schon von alleine. Angefangen hat alles mit dem französischen Schriftsteller und Moralphilosophen Jean-Jaques Rousseau Mitte des 18. Jahrhunderts. Ja Sie hören richtig, nicht Karl Marx oder Friedrich Engels hat’s erfunden, sondern der französische, ganz den hehren Ideen der Aufklärung verbundene Schöngeist Rousseau. Im Gegensatz zu der damals meist noch vorherrschenden Meinung, dass der Mensch von Geburt an sündig sei und ein rohes, selbstsüchtiges Wesen habe, was zu Akten verblüffender Bosheit in der Lage ist, vertrat Rousseau nun erstmalig die exakt gegenteilige Ansicht der Dinge. Für ihn war der Mensch im Grunde seines Wesens gut, die Verhältnisse hätten ihn nur schlecht gemacht. Man müsse also nicht, wie bislang, den Menschen mit Staatsgewalt und strenger Ordnung in Grenzen halten, sondern genau umgekehrt, diese Gewalt und Ordnung abschaffen, das „System“ umkrempeln und schon würden alle friedlich miteinander leben und keiner würde dem anderen etwas neiden. Und das vor allem deshalb, weil ja dann allen alles gehört und man schließlich niemand etwas stehlen kann, was einem eh schon gehört. Das Tor zur Ideenwelt der Linken war aufgeschlossen, es wehte ein frischer Wind durch die absolutistischen Renaissanceschlösser, der letztlich die Feuer der Französischen Revolution anfachen sollte und die Schlossbewohner aus ihren mit Gobelins behängen Schlafgemächer auf die Schafotte des Landes treiben sollte.

Die Rechten, auch Konservative genannt, weigerten sich aber beharrlich, diese neue Welt gedanklich zu betreten. Sie zeigten gegenüber den träumerischen Utopien der Linken ein gerüttelt Maß an Skepsis und wollten die althergebrachten, lang erprobten Methoden bewahren, sprich konservieren – deshalb auch „die Konservativen“. Sie wollten weiterhin die Zugriffsrechte des Staates klar definiert wissen und dem Guten im Menschen nicht die Bühne überlassen, da sie den Menschen der vielen schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit wegen weiterhin nicht über den Weg trauten. Wenn in der Bibel steht, dass mit dem Sündenfall die Ursünde seit Adam und Eva von Generation zu Generation weitervererbt wird („Erbsünde“) dann müsse da ja wohl was dran sein. Das erklärt nun also auch das C in CDU und zum anderen, warum es die Linken mit der Bibel nie so wirklich hatten.

Also: wenn Sie demnächst zur Wahl gehen, und ich gehe davon aus, dass Sie das allesamt ausnahmslos tun werden, dann überlegen Sie einfach, ob Sie die Theorie Rousseaus für die stimmigere halten oder doch eher die der biblischen Gattungsgeschichte. Haben Sie sich dann für eine entschieden, wissen Sie, ob sie eher links oder eher rechts ihr Kreuzchen machen wollen. Ist doch gar nicht so schwer, oder? Keine Ursache, gern geschehen.

P.S. Das hatte ich noch vergessen: Das Links-Rechts-Schema kommt daher, dass in der ersten Französischen Nationalversammlung 1789 die Rousseau-Anhänger links vom Sitzungspräsidenten saßen und die Verfechter monarchistischer Ideen rechts von ihm. Vor der Revolution gab es ja eher oben und unten, was denen unten bekanntlich gar nicht mehr gepasst hatte. So simpel ist Geschichte manchmal.

Tatoo-picsay

Glück

Solche Dialoge führe ich dauernd in meinem Kopf

1_fertig 2_roh 3_fertig

Über die Toleranz des Authentischen

Es gibt Wörter, die werden nicht nur inflationär gebraucht sondern auch noch falsch. Um diesem unschönen Spuk ein Ende zu setzen, werde ich anhand zweier Beispiele versuchen, die Sinne der Schriftschaffenden zu schärfen, damit demnächst ein wenig besser hingeschaut wird, wenn etwas zu Papier gebracht wird.

 

Fangen wir mit dem Authentischen an. Tritt ein Mensch in der Öffentlichkeit auf und gibt sich so wie er nun mal ist, dann wird seine Authentizität in den höchsten Tönen besungen. Es wird gelobt, dass er uns nichts vormacht und ganz bei sich selbst ist. Aber ist es denn tatsächlich immer von Vorteil, wenn sich jemand nicht verstellt? Auf authentische Unsympathen oder sonstige Widerlinge kann ich gerne verzichten und habe überhaupt nichts einzuwenden, wenn ein durch und durch unhöflicher Mensch mich absichtlich täuschend höflich grüßt. Ich fordere uneingeschränkte Nicht-Authentizität für alle Kotzbrocken!

 

WP_20150604_09_26_12_Pro

schlafende Babys sind extrem authentisch

 

Als zweites Beispiel möchte ich die Toleranz ins Feld ziehen. Toleranz ist seit einiger Zeit allererste Bürgerpflicht. Toleranz heißt auf Deutsch Duldung. Wenn ich jemanden Handlungen toleriere, heißt das also, dass ich das, was er tut zwar schlecht finde, aber ich dulde es. „Ich kann mit Deiner Art und Weise, wie Du Dein Leben führst nichts anfangen, aber ich dulde es, weil wir in einem freien Land leben.“ Alle, die Toleranz wie eine Monstranz vor sich her tragen, halten im Grunde ein großes Schild hoch, auf dem steht: „Ich find euch doof, aber lass euch mal machen!“

Ziel sollte es doch vielmehr sein, Akzeptanz zu erreichen anstatt Toleranz. Wenn ich die Handlungen anderer akzeptiere, dann heiße ich sie gut. Das ist doch viel besser, oder? Ich finde, das sollten alle Toleranzprediger mal akzeptieren.

 

So könnte ich noch endlos weitermachen, z.B. mit der Nachhaltigkeit, die in jedem zweiten Satz vorkommt und nur zu gerne mit Umsichtigkeit verwechselt wird, ganz zu schweigen von dem Durcheinander, wenn es um Bildung geht, welche ständig mit Wissen und Information verwechselt wird. Ich hoffe, ich konnte trotzdem ein wenig helfen.