Warum ich gerne katholisch wäre

Eins steht ja mal fest; evangelisch ist besser als katholisch.

BildChef der Katholiken 

 

Die Katholiken sind die Bösen. Die sind gegen Schwule, gegen Sex vor der Ehe, eigentlich gegen Sex generell, unterdrückten die Frauen, machen ihre Pfarrer zu Kinderschändern mit ihrem dusseligen Keuchheitsgehabe und sind auch sonst an Rückschrittlichkeit nicht zu unterbieten. Gehen Sie auf die Straße und fragen einen x-beliebigen Passanten nach dessen Meinung zur katholischen Kirche und Sie werden diese Antwort erhalten. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche.

 

Die Evangelischen sind das genaue Gegenteil der Katholischen. Evangelisch ist modern, aufgeschlossen und progressiv bis in den Ältestenrat hinein. So habe ich das seit meiner Jugend empfunden. Im Religionsunterricht ging es mehr um Sexualität, Freiheit und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, als in den eigentlich hierfür vorgesehenen Fächern. Veraltete Moralregeln vermisste niemand, ebenso wie Gott. Über Gott zu sprechen war dem Reli-Lehrer, ein bekennender 68er, sichtlich peinlich. Zum Glück nötigte der Lehrplan ihn auch nicht dazu. Logisch, dass ich Reli zum Abi-Prüfungsfach wählte. Über Nazis und Sex wusste ich schließlich Bescheid. Maximaler Gewinn mit minimalem Aufwand.

 

Auch geschichtlich gesehen sind die Evangelischen die Guten. Die Katholischen im späten Mittelalter (die hießen da natürlich noch nicht so, weil es ja nur eine Sorte Christen gab), die Katholischen hatten den christlichen Grundgedanken komplett auf den Kopf gestellt. Von wegen Barmherzigkeit, Feindesliebe und Freiheit eines Jeden. Die Kirche ließ die Gemeinde an diesen Aussagen nicht teilhaben. So gut wie niemand konnte damals lesen und wenn doch, dann konnte er kein Latein. Christus eigentliche Worte blieben unter Verschluss und der Gemeinde wurde mit Fege- und Höllenfeuer gedroht, damit sie nicht zu aufmüpfig wurde. Die strengen alttestamentarischen Regeln, von denen Jesus seine Nachfolger befreit sehen wollte, führte die Kirche mit ihrem strengen Katechismus wieder ein. Jesus hätte sich im Grab umgedreht, wäre er drin geblieben.

 

Martin Luther stank das gewaltig und er setzte dieser Entwicklung etwas entgegen: das Evangelium. Er übersetzte die Bibel ins Deutsche, so dass jeder, der lesen konnte, sie verstand. Und der, der nicht lesen konnte, bekam sie im Gottesdienst auf Deutsch vorgelesen. Alle menschengemachten strengen Regeln konnten nun anhand der Schrift auf ihre Schlüssigkeit überprüft werden. Das Evangelium war wieder im Mittelpunkt und nicht die Kirchengesetze – evangelisch eben. Die Menschen gingen in die Kirche, nicht um von Gott überzeugt zu werden – an den glaubte eh jeder, der Stand nicht in Frage – sie gingen in die Kirche, um das Unglaubliche zu hören, dass man durch Friedlichkeit, durch Barmherzigkeit und Liebe weiter kommt als mit Eigennutz und Geld und somit letztlich in den Himmel. Schwer zu glauben war das, aber dafür gibt es ja die Kirche, um den Leuten beim Glauben zu helfen.

 

Seither sind 500 Jahre ins Land gestrichen. Eins hat sich jedoch nicht geändert. Die Kirche sollte immer noch dafür da sein, den Leuten beim Glauben zu helfen. Heute stellen sich die Glaubensfagen jedoch genau umgekehrt, als sie es zu Luthers Zeiten taten. Für uns steht es außer Frage, dass man gut zu seinen Mitmenschen sein soll. Den kantschen Imperativ haben wir alle mit der Muttermilch aufgesogen. „Was Du nicht willst, das Dir man tut, das füge auch keinem Andern zu.“ Wer zweifelt da schon dran, außer eventuell ein paar nimmersatte Hedgefondmanager? Was vor 500 Jahren der Erklärung benötigte, ist heute selbstverständlich. Umgekehrt verhält es sich mit dem Glauben an Gott, an einen Schöpfer, der das Geschöpfte auch noch liebt. Ein Schöpfer, der jedes „Geschöpf“ einzeln anfertigt und mit einer individuellen Seele versieht. Ein Schöpfer, mit dem man ohne Internet und Handy sprechen kann – zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ein Gott, der das komplette, riesige Universum geschaffen hat, dieses am Laufen hält und gleichzeitig noch Zeit hat, jedem, der mit ihm spricht zuzuhören. Ein Gott, der alle Sprachen kennt, der alles weiß, der alles kann. Der Allmächtige eben. Und nicht nur das! Dieser Gott zeugte auf Erden nur durch seinen Geist einen Sohn, der uns durch seinen Tod am Kreuz erlösen wird. Dieser Sohn, Jesus, steigt nach seinem Tod auf in den Himmel, wo er sich neben seinen Vater setzen wird. Ganz kompliziert wird es dann, wenn man verstehen will, dass Vater, zeugender Geist und Sohn eins sind bzw. dreieinig.

 

Das ist heutzutage schon harter Tobak. Wenn man tatsächlich an diese unglaubliche Geschichte glauben will, bedarf es der Hilfe durch Profis. Und die Profis arbeiten nun mal in der Kirche. Ich sagen Ihnen wie es mir dabei geht: Wenn ich in eine Stimmung versetzt werden will, in dem ich diesen christlichen Glauben auch nur gefühlt annehmen kann, dann gehe ich nicht in einen modernen, zeitgeistlichen Gottesdienst, dann will ich keine mit verzerrten E-Gitarren begleitete Gospel-Amateurchöre von Gott preisen hören, dann will ich keine Pfarrerin in engen Lederhosen, die von SMSe an Jesus faselt – DANN WILL ICH VERDAMMT NOCHMAL EINEN GOTTESDIENST, WIE ER IMMER SCHON WAR!

 

Das können die Katholischen besser, Aber hallo! Sie haben sich nicht durch den windigen Zeitgeist verbiegen lassen. Sie haben gezeigt, was heute selten geworden ist: Standhaftigkeit. Nur durch diese Standhaftigkeit konnte das Band bis zurück zu Petrus und seinem Herrn erhalten bleiben. Was für eine großartige Story. Solche Storys brauche ich, wenn ich mich auf das Abenteuer des Glaubens einlassen will. Die Geschichte eines Schlappen tragenden Wanderpredigers, der einen Haufen schlecht gebildeter Jünger um sich schart, einige Wunder begeht, redet wie ein Hippie und 2000 Jahre nach seiner Hinrichtung ca. 2 Milliarden Menschen in seinem Namen getauft sind, das hat schon was. Diese Geschichte macht den Unterschied und die Kirche muss auch den Unterschied machen, will sie sie mir glauben machen, dass es sich hier um Wahrheit handelt. Die Arbeiter dieser Kirche sollen alles für diese Aufgabe „aufgeben“, Pfarrer verzichten auf Frau und Kinder, Mönche obendrein noch auf Besitz und Freiheit. Solchen Leuten kauf ich es ab, dass es ihnen wirklich ernst ist mit der Sache. Einer evangelischen Motorradkluft-Predigerin mit Handy in der Hand kaufe ich das nie und nimmer ab.

 

Die Kirche will, dass ich an einem schon vor 2000 Jahren schier unglaublichen Glauben festhalte und ich will das auch. Dazu braucht es aber mehr, als Durchschnitt. Dazu braucht es den Unterschied. Es braucht die Hingabe der Vermittler, die Mystik durch Heilige im Himmel und Weihrauch in der Nase. Es braucht die ungebrochene Tradition. Und deshalb braucht es die katholische Kirche. Deswegen wäre ich gerne katholisch. Aber, vielleicht war ich es ja schon immer?

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