kolumnistdesjahres

A topnotch WordPress.com site

Monat: Januar, 2013

Hund

Hund

Ludwigshafen die Zweite

Bild

Ludwigshafen

Bild

Stuttgart

Stuttgart1 Stuttgart2 Stuttgart3 Stuttgart4

Meine alte Grundschule und die Feuerzangenbowle

Ich bin Jahrgang 66. Mein Stadtteil auch – zumindest so in etwa. Stadtteile werden nicht auf einen Schlag fertig wie Menschen bei ihrer Geburt, aber so ungefähr kommt es hin.

2012-10-06 ich


Auf jeden Fall sind mein Stadtteil und ich gemeinsam groß geworden. 1968 zog ich mit meinen Eltern und meinen zwei Brüdern in die niegelnagelneue 4-Zimmer-Sozialwohnung im 1. Obergeschoss. Das machten mit uns unzählige andere junge Familien. Familien mit noch unzähligeren Kindern. Hier boomte der Babyboom besonders fruchtbar. Die Bäume unseres Viertels waren ebenfalls noch im Kindesalter. Sie mühten sich redlich, im Sommer etwas Schatten zu spenden. Ich bin in einem Stadtteil aus Kindern groß geworden. Man sagt, eine glückliche Kindheit reicht für ein ganzes Leben. Meine war glücklich.

Mit den Jahren wuchsen Bäume, Häuserzeilen und ich zu letztendlicher Größe heran. Heute wohnen in meinem alten Stadtteil über 12.000 Menschen und Schatten hat’s genug im Sommer. Nur ich wohne schon seit Jahren woanders. Als ich letztens zu Besuch war in meinem alten Stadtteil spazierte ich an meiner alten Grundschule vorbei, bzw. tat ich das nicht. Meine Grundschule war nämlich weg. Meine 70er-Jahre-Waschbetonschule war ersetzt worden durch eine hoch energieeffiziente, vollwärmegedämmte und wahrscheinlich pädagogisch auf neuestem Stand stehende Grundschule. Bestimmt ein Segen für die hier lernenden Kinder und deren Lehrer – für mich dennoch Anlass zur Trauer.

Ich fordere hiermit verschärften Denkmalschutz für Schulgebäude! Alle möglichen Sachen genießen bei uns besonderen Schutz vor Beseitigung. Historische Gebäude, alte Bilder, Statuen und obendrein unzählige Arten von Käfern und anderem Gekreuch. Nur Schulen darf man wegmachen wie einem gerade der Sinn danach steht. Ich prangere das an! Sicher wurden vor der Abrissentscheidung meiner Schule (beschönigend “Rückbau” genannt) Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen noch und nöcher angestellt. Sanierungskosten wurden anhand von Richtwerttabellen mit fiktiven Neubaukosten verglichen und letztlich für zu hoch befunden. Also: weg mit dem alten Zeugs – das rechnet sich nicht mehr.Der Ort des Großteils meiner Kindheitserlebnisse war “wirtschaftlich nicht mehr darstellbar”.

Sie kennen das: man kommt in ein Gebäude, in dem man lange nicht mehr war und dann ist da der Geruch, den man schon so lange vergessen hatte. Die kleinen Details, die einem längst entfallen waren. Und plötzlich ist alles wieder da. Der Name des Mädchens, dem man im Werkraum einen Kuss gegeben hatte, das doofe Gefühl vor der einen entscheidenden Mathearbeit und das Gesicht der Reli-Lehrerin, in die man irgendwie immer noch verliebt ist.

Neurologen wissen, dass lang Vergessenes durch Riechen wieder aus den Tiefen des Gehirns an die Oberfläche geholt werden kann. Das liegt irgendwie daran, dass das Geruchszentrum direkter Nachbar vom Erinnerungszentrum ist. Nase und Vergangenheit wohnen also praktisch Zaun an Zaun. Die Gerüche können aber nur gerochen werden, wenn das betreffende danach riechende Haus noch da ist. Mit dem Abriss meiner alten Schule haben die Baggerfahrer also nicht nur einen wirtschaftlich unrentables Schulgebäude weg gemacht sondern auch viele meiner Erinnerungen an glückliche oder auch weniger glückliche Schultage. Sie haben mir ein Stück meiner Kindheit gestohlen. Man liest doch immer, wie schlimm es ist, wenn wegen böser Eltern Kindern ihre “Kindheit gestohlen wird”. Ich spreche dem Juchtenkäfer nicht sein Existenzrecht ab – nichts läge mir ferner, aber im Gegenzug möchte ich das Recht auf meine Kindheit behalten. Bei meiner Grundschule ist es jetzt schon zu spät, aber wie ich las, soll es jetzt auch meinem alten Gymnasium an den Kragen gehen.

Wehe! Das wagt ihr euch nicht! Finger weg von meinem Gymnasium. Ihr tötet tausende der schönsten Schulerinnerungen nur wegen Geld. Schämt euch! Schaut euch “Die Feuerzangenbowle” an, dann wisst ihr, wie traurig es ist, keine Schulerinnerungen zu haben.

In diesem Sinne: “Oben bleiben!”
Ihr Paule