Links ist da, wo der Daumen rechts ist

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Machen Sie sich mal den Spaß und halten Sie Ihren Lieben einen Gegenstand unter die Nase, der es im Aussehen mit einem Mikrofon aufnehmen kann, und fragen Sie ohne Vorwarnung mit verstellter Straßenreporterstimme:

„Was ist Ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen politisch Links und politisch Rechts.“

Ich kann Ihnen jetzt schon das Ergebnis Ihrer Privatumfrage verraten: da kommt nicht viel. Im besten Falle sowas wie: „Die SPD ist links und kümmert sich mehr um die kleinen Leute, dafür kann die CDU besser die Wirtschaft am Brummen halten, was ja dann irgendwie den kleinen Leuten auch zu Gute kommt.“ Kurzes Nachhaken Ihrerseits: „Wenn die SPD eine linke Partei ist, dann ist die CDU Ihrer Meinung nach eine rechte Partei?“ „Neiiiiiin, natürlich nicht – die rechten Parteien sind doch die mit den Nazis.“

Im Grunde, wenn man mal ehrlich ist, gibt es gar keinen wesentlichen Unterschied mehr zwischen der SPD und der CDU. Die SPDler wissen den selbst manchmal nicht mehr so genau. Man könnte die Hälfte der Politiker zwischen den beiden Parteien austauschen und es würde niemanden wirklich auffallen, nicht mal den Ausgetauschten selbst, befürchte ich. Warum ist dem so? Vor sagen wir mal 60 Jahren war das noch viel einfacher. Da waren die SPD die Partei der Arbeiterbewegung und die CDU die Partei der katholischen Landwirte, bzw. die Parteien der jeweiligen Sympathisanten dieser Gruppen. Katholische Bauern gibt es noch ein paar, die Arbeiterbewegung hat sich aber schon längst ausbewegt. Die SPD gibt es jedoch immer noch und hat es mangels fest definierter Wählerklientel nun immer schwerer, ihre Daseinsberechtigung den Leuten glaubhaft unter die Nase zu reiben.

Um die Parteien für die Wähler wieder besser unterscheiden zu können, erkläre ich mal kurz, was das mit dem Links und Rechts genau auf sich – kleiner kostenloser Leserservice sozusagen.

Schauen wir auf die Wurzeln der Linken, dann erklärt sich die Rechte fast schon von alleine. Angefangen hat alles mit dem französischen Schriftsteller und Moralphilosophen Jean-Jaques Rousseau Mitte des 18. Jahrhunderts. Ja Sie hören richtig, nicht Karl Marx oder Friedrich Engels hat’s erfunden, sondern der französische, ganz den hehren Ideen der Aufklärung verbundene Schöngeist Rousseau. Im Gegensatz zu der damals meist noch vorherrschenden Meinung, dass der Mensch von Geburt an sündig sei und ein rohes, selbstsüchtiges Wesen habe, was zu Akten verblüffender Bosheit in der Lage ist, vertrat Rousseau nun erstmalig die exakt gegenteilige Ansicht der Dinge. Für ihn war der Mensch im Grunde seines Wesens gut, die Verhältnisse hätten ihn nur schlecht gemacht. Man müsse also nicht, wie bislang, den Menschen mit Staatsgewalt und strenger Ordnung in Grenzen halten, sondern genau umgekehrt, diese Gewalt und Ordnung abschaffen, das „System“ umkrempeln und schon würden alle friedlich miteinander leben und keiner würde dem anderen etwas neiden. Und das vor allem deshalb, weil ja dann allen alles gehört und man schließlich niemand etwas stehlen kann, was einem eh schon gehört. Das Tor zur Ideenwelt der Linken war aufgeschlossen, es wehte ein frischer Wind durch die absolutistischen Renaissanceschlösser, der letztlich die Feuer der Französischen Revolution anfachen sollte und die Schlossbewohner aus ihren mit Gobelins behängen Schlafgemächer auf die Schafotte des Landes treiben sollte.

Die Rechten, auch Konservative genannt, weigerten sich aber beharrlich, diese neue Welt gedanklich zu betreten. Sie zeigten gegenüber den träumerischen Utopien der Linken ein gerüttelt Maß an Skepsis und wollten die althergebrachten, lang erprobten Methoden bewahren, sprich konservieren – deshalb auch „die Konservativen“. Sie wollten weiterhin die Zugriffsrechte des Staates klar definiert wissen und dem Guten im Menschen nicht die Bühne überlassen, da sie den Menschen der vielen schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit wegen weiterhin nicht über den Weg trauten. Wenn in der Bibel steht, dass mit dem Sündenfall die Ursünde seit Adam und Eva von Generation zu Generation weitervererbt wird („Erbsünde“) dann müsse da ja wohl was dran sein. Das erklärt nun also auch das C in CDU und zum anderen, warum es die Linken mit der Bibel nie so wirklich hatten.

Also: wenn Sie demnächst zur Wahl gehen, und ich gehe davon aus, dass Sie das allesamt ausnahmslos tun werden, dann überlegen Sie einfach, ob Sie die Theorie Rousseaus für die stimmigere halten oder doch eher die der biblischen Gattungsgeschichte. Haben Sie sich dann für eine entschieden, wissen Sie, ob sie eher links oder eher rechts ihr Kreuzchen machen wollen. Ist doch gar nicht so schwer, oder? Keine Ursache, gern geschehen.

P.S. Das hatte ich noch vergessen: Das Links-Rechts-Schema kommt daher, dass in der ersten Französischen Nationalversammlung 1789 die Rousseau-Anhänger links vom Sitzungspräsidenten saßen und die Verfechter monarchistischer Ideen rechts von ihm. Vor der Revolution gab es ja eher oben und unten, was denen unten bekanntlich gar nicht mehr gepasst hatte. So simpel ist Geschichte manchmal.