Shifting Baselines

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Machen Sie sich doch mal den Spaß und fragen Sie einen ihrer dauertelefonierenden Tischnachbarn im Zugrestaurant nach Feuer. Wahrscheinlich wird er sein Wichtigtun abrupt unterbrechen und entsetzt nach dem Kellner Ausschau halten.

 

Nun stellen wir uns die gleiche Situation mal dreißig Jahre zuvor vor. Der Tischnachbar hätte auf Ihre Bitte um Feuer kurz von seiner Zeitung hochgeschaut (Mobiltelefone konnte sich keiner leisten) und Ihnen ohne mit der Wimper zu zucken sein Feuerzeug gereicht. Andererseits hätte ein in der Öffentlichkeit laut telefonierender Fahrgast für Erstaunen über seinen Reichtum und gleichzeitig für allseitiges Naserümpfen gesorgt – damals ging man zum Telefonieren noch in dafür extra aufgestellte schalldichte Telefonzellen und schloss die Tür hinter sich. „Privatsphäre“ steht leider nicht mehr in den Online-Wörterbüchern unserer multisozialvernetzten Jugend.

 

Sie sehen, knappe dreißig Jahre reichen, um die sittlichen Orientierungslinien komplett zu verschieben. In der Fachwelt nennt man dieses Phänomen „shifting baselines“. Wenn nun dreißig Jahre ausreichen, um den Knigge quasi auf den Kopf zu stellen, was wird dann erst in fünfhundert Jahren sein? Im zurückliegenden halben Jahrtausend  sind die Baselines ebenfalls gehörig durch die Gegend geshiftet. (Zum einen schade, denkt man z.B. an die doch stark schwindende Ritterlichkeit unter jungen Männern, zum anderen aber auch nicht schade, fragte man rothaarige alleinlebende Frauen mit einem Hang zur Geheimniskrämerei.) War es also vor zweihundert Jahren durchaus üblich, nach vermeintlichen Ehrverletzungen oder beim Streit um eine Frau sich gegenseitig im Duell über den Haufen zu schießen, würde man heute für diese Idee in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Menschen, die sich damals streng innerhalb der sittlichen Baselines bewegten, sind für uns heute nur noch Barbaren.

 

Jetzt stellt sich doch aber die spannende Frage, ob wir heute auch schon alle Barbaren sind, nur weil in einigen hundert Jahren die Menschen in ihren völlig neu abgesteckten Sittlichkeitsgrenzen uns für eben solche halten werden? Sollten Sie sich jedoch heute nicht als Barbar empfinden, obwohl es später andere tun werden, sollten Sie zukünftig jeden, der vom „dunklen Mittelalter“ spricht, mit gestrenger Miene wegen seiner geschichtlichen Einfältigkeit tadeln. Wie sagt Voltaire so treffend. „Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.“ Ich sehe, wir sind uns einig.

 

P.S. Telefonierende Restauranttischnachbarn halte ich übrigens heute schon für Barbaren. Da sind mir sogar zehn kettenrauchende Skinheads am Tisch lieber.

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